Letzten Monat bin ich am Tag nach der Jugendvigil ins nördliche Drittel Deutschlands gereist, wo ich einen Freund, nämlich einen älteren Herrn und seine Frau besucht habe. Die beiden wohnen dort in einer mittelgroßen Stadt in einem Wohnstift, in dem insgesamt rund 300 Senioren, Männer und Frauen, leben.
Die gesamte Gegend ist seit gut 400 Jahren protestantisch geprägt, es ist für Katholiken wirklich tiefste Diaspora. Das Seniorenwohnstift gehört zum Diakonischen Werk, also zur evangelischen Kirche, und auch mein Freund ist evangelischer Christ.
Aus seinen Erzählungen wusste ich schon von einem anderen Bewohner, dem er mich gerne vorstellen wollte. „Er ist ganz katholisch“, sagte er zu mir auf dem Weg zum Mittagessen, „und er hat Parkinson.“ Wenig später schnappte mein Freund mich am Salatbüffet beim Arm: „Komm mal schnell mit, er sitzt gerade alleine am Mittagstisch, das passiert nicht oft.“
Da saß also ein bescheidener Mann, nicht sonderlich groß, etwas gebeugt. Er schaute uns schon von weitem über seine Brille hinweg freundlich lachend an und begann sich zu erheben, als wir noch einige Meter entfernt waren. Er streckte mir seine von der Krankheit leicht zitternde Hand entgegen und sagte mit einer sanften Stimme: „Unser Freund hier hat mir erzählt, dass Sie kommen. Ich habe Sie schon gestern von weitem gesehen. Ihr Ordensgewand fällt bei uns natürlich auf. Bitte, setzen Sie sich doch einen Moment.“
Wir haben uns dann kurz unterhalten und für später verabredet. So bin ich am Abend mit dem Aufzug in den 13. Stock gefahren. Sein kleines Appartement war übersät mit Bildern, Zeichnungen, und Möbeln – wie Blitzlichter aus über 80 Jahren eines Lebens. Darunter waren auch mehrere alte Kreuze und Christusdarstellungen. Während ich mich umsah, begann er zu erzählen:
„Meine Familie ist nach dem Krieg aus Troppau in Schlesien, das liegt heute in Tschechien, vertrieben worden. Damals konnten meine Verwandten in der Eile nur das Allernötigste auf zwei Bollerwagen packen. Sie mussten Kleidung, Möbel und vieles andere zurücklassen. Aber die Kreuze und Christusbilder aus unserem Haus haben sie alle mitgenommen. Das hier zum Beispiel“ – er deutete auf eine Hinterglasmalerei, die den Gekreuzigten Christus zeigte – „das hing schon über meinem Bett, als ich noch ganz klein war.“
In einem Regal neben dem Bett standen CDs, darunter viele mit Werken von Anton Bruckner. „Mein Orgellehrer war selber ein Bruckner-Schüler“, sagte er mit ein wenig Stolz in der Stimme.
Dann sprachen wir über die Musik, über den Gregorianischen Choral, über den Glauben und die Kirche, und auch über seine Frau, die ihm vor drei Jahren zum Herrn vorausgegangen ist.
Ich weiß nicht genau, ob ihr euch in diese Situation hineindenken könnt. Die äußeren Bedingungen waren auf den ersten Blick schon fast ein wenig erschütternd. Ein alter Mann, mit seinen ganzen Lebenserinnerungen und ein paar Möbeln zusammengepfercht auf wenige Quadratmeter im 13. Stock. In der ausgedünnten Diaspora kaum noch eine Möglichkeit, den katholischen Glauben zu leben. Immer wieder Unverständnis, Kritik, Polemik gegen die Kirche, gegen seinen Glauben. Der Rücken gebeugt. Die Parkinson-Krankheit, die ihm Stück für Stück seine Bewegungsfähigkeit nimmt. Nach Jahrzehnten als Kirchenmusiker und Organist bringen seine Hände und Füße keine Orgel mehr zum Klingen. Und dann sitzt er vor mir und sagt mit seiner ruhigen, angenehmen Stimme etwas, das ich so schnell nicht vergessen werde:
„Wissen Sie, eher würde ich bezweifeln, dass ich selbst existiere und gerade hier sitze, als dass ich an der Existenz und Gegenwart Gottes in meinem Leben zweifeln würde.“
Als ich später im Aufzug stand, mit einem zerknüllten Taschentuch in der Hand, wusste ich: Es war eine stille Begegnung mit einem Menschen, in dem Christus wahrhaft lebendig ist.
Das ist die Fülle des Lebens.
Zum Beispiel dort, im 13. Stock.
HERR JESUS,
Danke für die Tapferkeit,
die Du den Leidenden schenkst.
Denn Du hast selbst gelernt, was Leiden ist.
Bleib’ bei uns Herr,
denn es will bald Abend werden.
Amen.