kreuzganggeschichten.

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PAPA RUFT AN

Jugendvigil vom 1. Juni 2012

Marie weiß nicht mehr weiter. „Es gibt keinen Ausweg mehr.“ Dieser Gedanke hatte sich in ihrem Kopf immer breiter gemacht. Von einer Minute auf die andere war ihr ganzes Leben zerfallen. Dabei war zwei Jahre vorher das ganz große Glück angebrochen. Mit Marc hatte sie die große Liebe gefunden, und sie war sich sicher, dass es ein Leben lang halten würde. Was auch immer kommen würde, Marc und Marie gehörten einfach zusammen. Und solange das klar war, war alles andere eigentlich egal.

Mit fünfzehn hatte Marie dann die Schule abgebrochen und war zu Marc gezogen. Er war zwei Jahre älter als sie, und arbeitete schon. Maries Eltern liefen damals zwar Sturm gegen diese Entscheidung, aber das war Marie wurscht. Sie hatte ihren Marc. Und das war genug. Der Streit mit den Eltern war so heftig, dass sie den Kontakt zu ihnen beinhart abbrach. Sie ging nicht mehr ans Telefon, wenn sie anriefen. Sie machte die Tür nicht auf, wenn sie davor standen. Und die Briefe warf sie ungelesen in den Mistkübel. Irgendwann hatten die Eltern dann offenbar aufgegeben. „Gott sei Dank“, dachte Marie.

Vor ein paar Wochen veränderte sich etwas in ihr. Erst wusste sie nicht so recht, was los war, aber als dann ihre Menstruation ausblieb, machte sie einen Schwangerschaftstest, und der fiel positiv aus. Sie würden ein Kind bekommen. Marie war natürlich ziemlich nervös, aber sie freute sich gleichzeitig auch, dass sie tatsächlich schwanger war. Jetzt würden sie eine eigene kleine Familie gründen! Sie konnte es kaum abwarten, bis Marc von der Arbeit kam. Mit ihrem letzten Geld hatte sie eingekauft. Den Küchentisch hatte sie so feierlich gedeckt, wie es mit dem Sammelsurium von Besteck aus Marcs Küchenlade eben möglich war. Saftgläser für den Wein, und außer den Löffeln für das Eis passte von dem Besteck nichts zusammen. Aber es sah trotzdem toll aus, fand Marie.

Als sie endlich Marcs Schritte im Stiegenhaus hörte, warf sie vor lauter Aufregung das kleine Basilikumpflänzchen runter, das sie fürs Abendessen ohnehin schon ziemlich zerrupft hatte. Mit einem Tritt beförderte sie den ganzen Haufen kurzerhand unter die Spüle. Es sollte wenigstens halbwegs ordentlich aussehen!

An den weiteren Abend wollte sie sich gar nicht mehr erinnern, weil es das allerschlimmste und schmerzhafteste war, was sie sich vorstellen konnte.

Marc hatte sie erstmal völlig entgeistert angesehen, und dann ist er völlig ausgezuckt. „Du dumme Kuh, du hast sie wohl nicht mehr alle!“ Er rannte ins Wohnzimmer und trat so heftig gegen die Ikea-Couch, dass ein Loch in der Seitenwand war. „Du hast doch gesagt, dass du die Pille nimmst! Ich will doch jetzt kein Kind haben!“ Irgendwann hatte Marc seine Jacke geschnappt und war zur Wohnungstür gerannt. Im Türrahmen dreht er sich nochmal um, funkelte sie zornig an und sagte drohend: „Sieh zu, dass du es loswirst! Ich bin weg.“ Dann knallte er die Tür mit aller Kraft von außen zu.

Irgendwann als es draußen schon wieder hell wurde, tat Marie alles so weh, dass sie noch nicht einmal wusste, was ihr eigentlich am meisten wehtat. Etwas in ihr war zerbrochen, mehr noch: es kam ihr vor, als wäre ihr Herz von innen so zerfetzt worden, dass außer Taubheit und Tod nichts mehr übrigblieb. Kein Leben mehr. Kein Licht. Kein Marc. Nicht einmal mehr ein Schrei oder eine Träne waren übrig. Einatmen, Ausatmen, alles mechanisch. „Es gibt keinen Ausweg mehr.“ Eine Stunde später sah sie in den Spiegel: „Marc und Marie, das ist aus.“ Das war so absurd, dass sie das gar nicht begreifen konnte. So als würde jemand sagen: „Tut uns leid. Die Sonne hat gestern abend ihren Betrieb eingestellt. Stellen Sie sich bitte darauf ein.“
„Darauf einstellen?“ schrie Marie ihr Spiegelbild an. Wurde sie jetzt verrückt? Vielleicht wäre es das beste, wenn sie sich das Leben nehmen würde. Denn das war ja kein Leben: Marie ohne Marc, und obendrein auch noch schwanger.

Irgendwann schlief sie ein. Irgendwann wachte sie wieder auf. Zeit gab es nicht mehr, und hatte sie Hunger? Vielleicht ja, aber das war auch schon egal. Marc war verschwunden. Marie im Dämmerschlaf.

Ihr Handy klingelte. Oder bildete sie sich das nur ein? Doch, die Melodie war vertraut. Ein Kindervers.

So hatte ihr Handy schon lange nicht mehr geklingelt. Irgendeine Erinnerung bahnte sich einen Weg durch den dumpfen Nebel. Bilder kamen hoch. Marie sah einen Strand. Eine Sandburg, und die kleine gelbe Schaufel mit dem roten Kübel. Sie war noch klein.

Sie konnte den Geruch von Wassermelone riechen, und den Duft von Sonnencreme auf der warmen Haut. Durch die Taubheit in Maries Herz bahnte sich, winzig klein zwar, etwas schönes seinen Weg, aus anderen Zeiten. Ein Tag am Meer: salzig, warm, und still.

Marie ging auf die Melodie zu, die aus der Küche kam. Ihr Handy lag auf dem Boden, neben dem abgestürzten Basilikumpflänzchen. In einem Rhythmus, der nicht zu dem Klingelton passte, blinkte auf dem Display: „Papa ruft an.“

Marie drückte auf die Taste mit dem grünen Hörer, aber sie konnte nichts sagen. Ihr Vater schluckte am anderen Ende. Dann sagte er: „Marie?“ Marie gab irgendeinen Laut von sich. „Hm-mm“. Nach einer Pause sagte ihr Vater: „Marie, komm wieder nach Hause. Wir halten doch zu dir!“

Die Tränen, die jetzt in Marie hochkamen, waren anders.
Salzig, warm, und still, und ein ganzes Meer voll.

Es hat danach noch eine Weile gedauert, bis Marie das Schlimmste überwunden hatte. Und die Narbe, die sie in ihrem Herzen davon getragen hat, wird sie wohl bis an ihr Lebensende behalten.

Aber eines hat Marie gelernt: Erinnerungen an schöne Erlebnisse besitzen die Kraft, aus dem Dunkel wieder heraus zu führen. Weil man um diese Dinge ganz sicher weiß, weil man selber dabei war. In diesen Erinnerungen, egal wie klein sie auch sind, sitzt eine Kraft, die uns weiter leben lässt. Die Kraft, Danke sagen zu können und das Schöne am Leben zu erkennen.

Maries kleine Tochter sieht ihrem Vater übrigens ziemlich ähnlich. Das ist gut so, findet Marie, auch wenn es manchmal immer noch ein bisschen wehtut. Und vielleicht ist Marie sogar heute hier, bei uns.



HERR JESUS,

tröste die, die keinen Trost mehr sehen.

Hilf denen, die ein gebrochenes Herz haben,

dass sie alle,

wirklich alle Bruchstücke ihres Herzens zu dir tragen,

damit du es heilen kannst,

 

Amen.

Gepostet am Freitag, Juni 1 2012.
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Anmerkungen
  1. jugendvigil hat diesen Eintrag von paterkilian gerebloggt
  2. von paterkilian gepostet
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