Der blaugrüne Sternenmantel der „Morenita“ hatte Maiara schon immer gefallen. La Morenita, „die kleine Dunkelhäutige“, so wird die Muttergottes von Guadalupe in Mittel- und Südamerika genannt. Sie war Maiaras Freundin. Seit sie sich erinnern konnte, hatte das Bild über ihrem Bett gehangen. Aber dann, als Maiara vierzehn war, packte sie alles was sie hatte zusammen, auch das Bild der Morenita. Dann verließ sie das kleine Dorf in den bolivianischen Anden, in dem sie aufgewachsen war. Die Armut im Dorf war niederschmetternd gewesen, und trotzdem gab es einen Zusammenhalt in der Dorfgemeinschaft, die sich gemeinsam Tag für Tag voran kämpfte. Aber als dann kurz hintereinander Maiaras Eltern gestorben und ihre drei Brüder bei einem Protestmarsch der Bauern im Norden Boliviens vom Militär niedergeschossen worden waren, war die Morenita plötzlich die einzige, die Maiara noch hatte. Maiara wollte fort aus dem Dorf. In der Hoffnung auf ein besseres Leben schlug sie sich durch bis in die Millionenstadt La Paz.
Dort angekommen gingen die Schwierigkeiten anders weiter. Maiara konnte ein wenig lesen, aber schreiben konnte sie nicht. Eine richtige Schule hatte sie auch nie besucht. Sie lernte andere junge Mädchen kennen, denen es ähnlich ging. Und die machten sie schließlich mit Ruben bekannt. Ruben musterte Maiara beim ersten Treffen von oben nach unten, nickte kurz und schickte dann die anderen Mädchen weg. Maiara war etwas mulmig zumute.
„Keine Sorge, ich tu dir nichts“, sagte Ruben, und legte seinen Arm um ihre Schulter. „Hast du Hunger?“
Maiara nickte. Ruben sah sie an. „Kannst du auch reden?“
Maiara nickte wieder. Ruben lachte. „Na dann…“
Er spendierte ihr etwas zu essen. Während sie das Hühnchen mit Gemüse verschlang, sagte Ruben zu ihr: „Du brauchst also Arbeit, stimmt’s?“ Maiara nickte. So ein köstliches Essen hatte sie noch nie gegessen. „Ich kann aber nicht schreiben und nur ein bisschen lesen“, sagte sie leise, und ohne Ruben anzusehen.
Ruben lachte laut auf, so dass Maiara erschrocken aufblickte.
„Keine Angst, das macht nichts“, sagte er lachend. Dann meinte er mit seriöser Miene: „Ich hab da was für dich. Du verdienst nicht übel dabei. Du bist so eine Art Führer für ausländische Touristen. Du musst dich ein bisschen mit ihnen unterhalten. Und freundlich musst du sein! Kannst du das?“
Maiara nickte wieder. „Naja, wenigstens wirst du ihnen nicht das Ohr vollschwatzen, was?“, murmelte Ruben grinsend, und setzte seine Bierflasche an. Als sie fertig gegessen hatte, sagte Ruben: „Und jetzt kaufen wir dir etwas anderes zum Anziehen. Was ist denn deine Lieblingsfarbe?“
„Blaugrün, so wie der Sternenmantel von der Morenita“, sagte Maiara wie aus der Pistole geschossen.
Ruben lachte laut auf. „Blaugrün, wie die Morenita!“ Er schlug mit der flachen Hand auf den Tisch. „Hey Gonzales, hast du das gehört? Wir haben hier eine echte kleine Jungfrau von Guadalupe!“
Die Männer an der Theke fielen in sein Lachen ein. Maiara stiegen die Tränen in die Augen. Diese groben Männer lachten sie aus, aber für Maiara beleidigten sie die Morenita von Guadalupe. Aber Maiara sagte nichts.
Ruben klemmte eine Fünf-Dollar-Note unter der leeren Bierflasche fest. „Stimmt so, du Gangster!“, rief er Gonzales zu. Dann sagte er, immer noch lachend, zu Maiara: „Komm, wir kaufen dir einen Sternenmantel, kleine Morenita.“
Wie sich schnell herausstellte, war Ruben kein Fremdenführer, sondern ein Zuhälter. Und die „Touristen“ interessierten sich nicht für Bolivien oder La Paz, sondern für die Körper junger, vor allem minderjähriger Mädchen. So wurde aus Maiara eine Prostituierte. Immerhin hatte sie genug zu essen, konnte sich sogar eine kleine Wohnung leisten. Aber wenn ihre Eltern sie so sehen würden! Maiara schämte sich. Sie weinte oft, vor allem am Anfang, dann immer weniger. Ihre einzige wirkliche Freundin blieb die Morenita, mit ihrem blaugrünen Sternenmantel, die über ihrem Bett hing. Mit ihr konnte Maiara immer reden, sie hörte ihr immer zu. Aber vielleicht bildete sie sich das auch nur ein.
Eines Abends, als Maiara an ihrem Platz auf der Straße war, hielt ein Wohnmobil am Straßenrand.
‚Der erste Kunde heute abend’, dachte sie, zupfte schnell ihren blaugrünen Minirock zurecht, und ging zur Beifahrertür. Aber am Steuer saß niemand. Seltsam. Maiara trat einen Schritt zurück. Dann ging plötzlich die Seitentür des Wohnmobils auf. Ein Priester in schwarzer Soutane trat heraus, streckte sich, und begann seine Brille zu putzen.
Maiara traute ihren Augen nicht. Der Priester setzte seine Brille wieder auf, dann erst bemerkte er die junge Frau.
„Oh, guten Abend, ich bin Don Miguel“, sagte er lächelnd, und streckte ihr die Hand entgegen. „Du bist sehr jung. Bist du neu hier?“
Maiara erwiderte den Händedruck, starrte den Priester an, und zuckte mit den Schultern. Sie war sprachlos. Was machte ein Priester um diese Zeit auf dem Straßenstrich?
„Na sowas…“, sagte Don Miguel, zog die Augenbrauen zusammen, und schob Maiara in den Lichtkegel der Straßenlaterne. „Doch, ja! Dein Rock hat fast die gleiche Farbe wie der Sternenmantel der Morenita. Kennst du denn die Jungfrau von Guadalupe?“
„Die Morenita ist meine einzige Freundin“, sagte sie wie aus der Pistole geschossen. Dann musste sie plötzlich weinen.
Auf einmal rief jemand aus der Dunkelheit: „Don Miguel ist zurück! Kommt schnell! Don Miguel ist wieder da!“
Es war schon etwas bizarr, wie sich plötzlich lauter aufgedonnerte Prostituierte lachend und froh um den Priester scharten, „beso!“ – Bussi! – riefen, ihn auf die linke und rechte Wange küssten, und ganz aufgeregt umhersprangen. Und es kamen immer mehr! Maiara wusste nicht, ob sie lachen oder weinen sollte. Aber sie war sich jedenfalls sicher: Ein Freier war Don Miguel offenbar nicht.
Einige Monate später machte Maiara mit Don Miguel und sechzehn anderen Frauen eine Wallfahrt ins weit entfernte Mexiko, zur Morenita von Guadalupe. Alle hatten sich dafür blaugrüne Schals und Schultertücher besorgt, so wie der Sternenmantel. Es war ein verrücktes Bild, wie sie alle zusammen dort vor der Morenita knieten, weinten und beteten. Nur Don Miguel stach etwas heraus, mit seiner schwarzen Soutane. Aber das war okay, fand Maiara. Und ihre Freundin, die Morenita, gab ihr da völlig recht.
HERR JESUS,
du hast zu den Ältesten und Hohenpriestern gesagt:
„Zöllner und Dirnen gelangen eher in das Reich Gottes als ihr.“ (Mt 21,31)
Denn die wissen, wie es um sie steht.
Hilf uns, für uns und alle anderen Menschen
alles von Deiner Barmherzigkeit zu erwarten,
Denn du bist gekommen, die Sünder zu rufen,
nicht die Gerechten.
Amen.
Heilige Morenita, Muttergottes von Guadalupe – bitte für uns!